Plakative Pop-Art-Illustration im Stil eines politischen Magazin-Covers: Das Motiv zeigt eine dramatisch zur Seite geneigte Verteilungswaage. Auf der schweren Seite drückt ein riesiger Stimmzettel zusammen mit einem Stapel Münzen nach unten. Auf der leichten, aufsteigenden Seite schweben abstrakte Symbole für bezahlbares Wohnen, Nahverkehr und öffentliche Infrastruktur davon. Kräftige Farben wie Tiefrot, Senfgelb und Dunkelblau sowie starke Konturen visualisieren das Spannungsverhältnis zwischen Wahlergebnis, Geld und Daseinsvorsorge.

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Warum die Moralkeule versagt

Man konnte die Uhr danach stellen. Kaum waren die ersten Hochrechnungen für Sachsen-Anhalt auf dem Bildschirm, lief die eingespielte Maschinerie wieder an: Entsetzen in den TV-Studios, besorgte Statements aus Berlin und das gewohnte Wording von der „Gefahr für die Demokratie“. Über 43 Prozent für die AfD.

Man könnte sich jetzt nahtlos in die Reihe der Empörten einreihen. Aber was bringt das? Diese Debatte führen wir inzwischen seit Jahren. Die AfD wird stärker, die anderen Parteien warnen noch eindringlicher – und nach der nächsten Wahl beginnt das Ganze wieder von vorne.

Vielleicht sollten wir deshalb einmal einen anderen Blick auf das Ergebnis werfen. Nicht um die AfD schönzureden oder ihre Politik zu verharmlosen, sondern um zu verstehen, warum eine Partei, die inzwischen in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent erreicht, überhaupt so viele Menschen erreicht. Denn wer nur erklärt, dass diese Wähler falsch, dumm oder moralisch verkommen seien, hat zwar seine Haltung klargemacht, aber noch lange keine politische Antwort gefunden.

43,8 Prozent kommen nicht aus dem Nichts

Das Ergebnis ist tatsächlich bemerkenswert. Die AfD hat ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt und kommt auf 43,8 Prozent. Die CDU landet mit 17,2 Prozent weit abgeschlagen auf Platz zwei. Im neuen Landtag verfügt die AfD über 39 der 83 Sitze und verfehlt die absolute Mehrheit damit nur knapp.

Noch interessanter wird es, wenn man genauer hinschaut. Die AfD wurde nicht nur in irgendwelchen einzelnen Problemregionen stark. Sie lag nach der Wahl in allen 218 Gemeinden vorne. Auf dem Land kam sie sogar auf 50,4 Prozent. Gleichzeitig schnitt sie auch in Magdeburg und Halle stark ab, wenn auch deutlich schwächer als in den ländlichen Regionen. Das ist dann doch etwas mehr als ein kleiner Protest gegen die Regierung.

Sachsen-Anhalt ist ein Sonderfall – auch wegen seiner Demografie

Bei der ganzen Diskussion wird mir allerdings ein Punkt zu oft übersehen: Sachsen-Anhalt ist demografisch nicht einfach mit Deutschland insgesamt gleichzusetzen. Sachsen-Anhalt ist das älteste Bundesland. Das Durchschnittsalter lag 2024 bei 48,3 Jahren, während der Bundesdurchschnitt bei 44,9 Jahren lag. Auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren kamen in Sachsen-Anhalt 51,9 Menschen ab 65 Jahren. Deutschlandweit waren es 38,8. Gleichzeitig verliert das Land weiterhin Bevölkerung. Ende 2025 lebten noch rund 2,12 Millionen Menschen dort – rund 15.000 weniger als ein Jahr zuvor. Niedrige Geburtenzahlen und die Abwanderung jüngerer Menschen haben diese Entwicklung über Jahrzehnte verstärkt.

Das verändert natürlich auch die politische Ausgangslage. Wenn ein Land einen deutlich höheren Anteil älterer Menschen hat, dann geht es bei Themen wie Rente, Pflege, medizinischer Versorgung, Infrastruktur und öffentlichem Nahverkehr nicht um irgendwelche abstrakten Zukunftsfragen. Diese Dinge sind für einen großen Teil der Bevölkerung unmittelbare Lebensrealität.

Allerdings wäre es zu einfach, daraus wiederum zu schließen: „Sachsen-Anhalt ist alt, deshalb wählt es AfD.“ Genau das zeigen die Wahldaten nämlich nicht. Die AfD war bei den über 70-Jährigen vergleichsweise schwach und kam dort auf 31 Prozent. Besonders stark war sie dagegen bei den 18- bis 59-Jährigen, wo sie laut Wahlanalyse auf 49 Prozent kam. Die ältere Bevölkerung hat der AfD sogar dabei geholfen, die absolute Mehrheit zu verfehlen.

Das ist interessant, weil es die einfache Erklärung gleich wieder zerlegt. Die Demografie ist ein wichtiger Hintergrund der Wahl – aber sie erklärt nicht allein das Wahlergebnis.

Die Bequemlichkeit der reinen Moral

Und genau hier beginnt mein eigentliches Problem mit der bisherigen politischen Reaktion. Die Reaktion auf Wahlerfolge der AfD ist häufig rein moralisch. Man erklärt Wählerinnen und Wähler wahlweise für verblendet, bösartig, dumm oder rückständig. Das ist bequem. Denn wenn das Problem ausschließlich in den Köpfen der Menschen liegt, muss man an der eigenen Politik nichts ändern. Dann reicht es, Haltung zu zeigen, vor der Demokratiegefahr zu warnen und darauf zu hoffen, dass die Menschen beim nächsten Mal schon wieder vernünftig wählen werden.

Nur funktioniert das offensichtlich nicht. Menschen wählen nicht isoliert von ihrer Lebensrealität. Wenn in einer Region Arztpraxen fehlen, Busverbindungen ausgedünnt werden, Schulen schließen, Innenstädte ausbluten und junge Menschen für Ausbildung und Arbeit wegziehen, dann hinterlässt das Spuren. Und wenn gleichzeitig der Eindruck entsteht, dass politische Entscheidungen irgendwo in Berlin oder Brüssel getroffen werden, während vor Ort immer weniger funktioniert, entsteht irgendwann Frust.

Das bedeutet nicht, dass jeder AfD-Wähler arm ist oder aus wirtschaftlicher Not heraus AfD wählt. Genau das wäre die nächste viel zu einfache Erklärung.

Die AfD ist nicht nur eine Partei der wirtschaftlich Abgehängten

Auch das sollte man ehrlich sagen: Die AfD ist keine reine Partei der Armen. Die aktuelle Wahlanalyse aus Sachsen-Anhalt zeigt gerade keinen einfachen Zusammenhang zwischen finanzieller Lage und AfD-Wahl. Vielmehr spielen regionale Unterschiede, politische Einstellungen und das Gefühl mangelnder Anerkennung eine erhebliche Rolle. Gerade auf dem Land konnte die AfD besonders stark zulegen.

Und damit sind wir bei einem Punkt, der mir in der öffentlichen Debatte ebenfalls fehlt: Menschen wählen nicht nur nach ihrem Kontostand. Migration, Sicherheit, gesellschaftliche Veränderungen, die eigene Vorstellung von Heimat und Identität, das Verhältnis zum Staat und das Gefühl, politisch nicht mehr gehört zu werden – all das kann eine Wahlentscheidung beeinflussen.

Das muss man nicht gut finden. Man sollte es aber verstehen wollen. Denn wenn man einem Menschen, der sich vom politischen System nicht mehr vertreten fühlt, lediglich erklärt, dass seine Wahl falsch und moralisch verwerflich sei, hat man noch lange kein besseres Angebot gemacht.

Das neoliberale Erbe

Trotzdem bleibt die materielle Frage wichtig. Deutschland hat über Jahrzehnte einen Arbeitsmarkt aufgebaut, in dem Flexibilität und niedrige Löhne teilweise zum politischen Erfolgsmodell erklärt wurden. Die Agenda-2010-Reformen haben den Arbeitsmarkt tiefgreifend verändert, Zeitarbeit und Befristungen wurden zu einem festen Bestandteil der Arbeitswelt. Für viele Menschen bedeutete das mehr Flexibilität – für andere aber auch weniger Sicherheit und schlechtere Planbarkeit.

Wenn Vollzeitarbeit kaum zum Leben reicht, wenn Wohnen immer teurer wird und wenn gleichzeitig der Eindruck entsteht, dass der Staat bei grundlegenden Dingen nicht mehr richtig funktioniert, dann darf man sich über politisches Misstrauen nicht wundern.

Genau in dieses Vakuum stößt die AfD. Ihre Erklärung ist denkbar einfach: Euch geht es schlecht, weil das Geld für andere ausgegeben wird. Dass die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der AfD selbst keineswegs automatisch zu höheren Löhnen oder einem stärkeren Sozialstaat führen würden, wird dabei schnell zur Nebensache. Die AfD muss also nicht einmal jedes Problem lösen. Es reicht, wenn sie vorhandene Unzufriedenheit bündelt und einen Schuldigen präsentiert.

Was wir von Spanien und New York lernen können

Und hier wird es für mich politisch interessant. Denn wenn man die Rechte schwächen will, muss man ihr nicht nur widersprechen. Man muss ihr die Themen wieder wegnehmen, mit denen sie erfolgreich ist.

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass Politik durchaus direkt an den Lebensbedingungen ansetzen kann. Spanien hat in den vergangenen Jahren unter anderem den Mindestlohn deutlich erhöht, Maßnahmen zur Begrenzung von Mieten in angespannten Wohnungsmärkten eingeführt und den öffentlichen Verkehr stark subventioniert. Das muss man nicht alles für richtig halten. Aber es ist Politik, die unmittelbar im Alltag ankommt.

Auch in New York wird unter Bürgermeister Zohran Mamdani stark mit dem Begriff „Affordability“ gearbeitet – also mit der Frage, was sich Menschen in einer Stadt überhaupt noch leisten können. Bezahlbarer Wohnraum, Kinderbetreuung und konkrete Entlastungen sind dort keine Nebenthemen, sondern zentrale politische Fragen.

Und genau das finde ich spannend. Nicht weil Spanien oder New York irgendwelche perfekten politischen Vorbilder wären. Sondern weil dort zumindest versucht wird, eine ziemlich einfache Frage zu beantworten: Was wird für die Menschen konkret besser?

Wenn eine Familie am Ende des Monats tatsächlich weniger für Wohnen, Kinderbetreuung oder Mobilität ausgeben muss, braucht ihr niemand zu erklären, dass Politik wichtig ist. Dann merkt sie es selbst.

Politik muss wieder im Alltag ankommen

Für mich liegt genau hier das eigentliche Problem. Wer die AfD bekämpfen will, sollte nicht nur darüber reden, wie gefährlich die AfD ist. Er sollte dafür sorgen, dass die Alternative wieder attraktiver wird.

Das bedeutet für mich: investieren statt kaputtsparen, vernünftige Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, bezahlbarer Wohnraum, funktionierende Schulen, Krankenhäuser und Nahverkehr. Und natürlich eine Politik, die auch außerhalb der großen Städte sichtbar funktioniert.

Ob dafür jede einzelne Leistung zwingend in öffentlicher Hand liegen muss, darüber kann man diskutieren. Aber bei grundlegender Daseinsvorsorge sollte irgendwann die Frage wichtiger sein, ob sie funktioniert, und nicht nur, ob sie sich auf dem Papier möglichst billig darstellen lässt.

Gerade in einem Land wie Sachsen-Anhalt bekommt diese Frage eine besondere Bedeutung. Wenn junge Menschen wegziehen, Regionen ausdünnen und gleichzeitig immer mehr ältere Menschen auf funktionierende Infrastruktur angewiesen sind, kann man das nicht einfach als normalen Strukturwandel verbuchen. Irgendwann muss Politik darauf reagieren.

Aber reicht das?

Nein. Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt. Mehr Geld, bessere Busverbindungen oder ein neues Krankenhaus werden nicht automatisch dafür sorgen, dass niemand mehr AfD wählt. Menschen wählen nicht ausschließlich nach ihrem Einkommen. Wer das behauptet, macht aus einer komplizierten politischen Entwicklung wieder eine viel zu einfache Geschichte.

Aber genauso wenig hilft es, jede Wahlentscheidung auf Dummheit, Rassismus oder mangelnde Bildung zu reduzieren. Beides ist bequem. Die einen behaupten: „Die Leute sind einfach rechts.“ Die anderen behaupten: „Die Leute sind nur wirtschaftlich abgehängt.“ Wahrscheinlich ist die Realität – wie so oft – deutlich komplizierter.

Und genau deshalb sollte Politik endlich versuchen, mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen: materielle Unsicherheit, fehlende Infrastruktur, Migration, Sicherheit, den demografischen Wandel und das Gefühl, dass politische Entscheidungen am eigenen Leben vorbeigehen.

Nicht nur warnen, sondern handeln

43,8 Prozent für die AfD sind kein Ergebnis, das man einfach wegmoderieren kann. Aber es ist auch kein Grund, jetzt nur noch auf die nächste Warnung vor der AfD zu setzen.

Die spannende Frage ist für mich deshalb nicht nur, warum so viele Menschen AfD gewählt haben. Die spannendere Frage lautet: Warum schaffen es die anderen Parteien immer weniger, diesen Menschen eine überzeugende Alternative anzubieten?

Wer diese Frage nur mit Moral beantwortet, macht es sich zu einfach. Wir sollten wieder mehr über Macht, Geld, Verteilung und ganz konkrete Lebensbedingungen sprechen. Nicht, weil damit jedes politische Problem gelöst wäre. Sondern weil Demokratie auf Dauer nicht davon lebt, dass man Menschen erklärt, was sie zu denken haben.

Sie lebt davon, dass Menschen das Gefühl haben, dass Politik ihr Leben tatsächlich verbessern kann.

Und genau da liegt meiner Meinung nach die eigentliche Aufgabe nach dieser Wahl.

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