(Digitale) Souveränität oder mein „de-googled“ Ökosystem

Die Nutzung von KI im Alltag kann eine Bereicherung sein…ist nur die Frage: für wen?

Digitale Selbstverteidigung – ein Weg aus der Datenwolke

Die Erkenntnis: Komfort ist eine Leihgabe

Wir leben in einer Zeit, in der „kostenlose“ Dienste mit unserer digitalen Identität bezahlt werden. Der bequeme Weg führt oft direkt in die Abhängigkeit großer Tech-Konzerne. Wirkliche Souveränität gibt es nicht per Mausklick, man muss sie sich aktiv zurückerobern. Es ist das ewige Abwägen zwischen Komfort und Datenschutz.

Passend zum heutigen Digital Independence Day (DI.DAY), der am 4. Januar 2026 erstmals initiiert wurde, möchte ich meinen persönlichen Weg zu mehr digitaler Souveränität und Unabhängigkeit teilen. Wer Bequemlichkeit über Sicherheit stellt, zahlt am Ende mit seiner Privatsphäre.

Der Blick aus der Praxis: Abhängigkeit im großen Stil

Dieser Wunsch nach Souveränität kommt nicht von ungefähr. Beruflich bin ich tief im Microsoft-Universum verwurzelt, ich sehe täglich, wie sehr Unternehmen und IT-Strukturen heute von US-Konzernen abhängig sind.

Der Trend geht unaufhaltsam in Richtung Cloud-Zwang. Mit neuen Funktionen wie dem Rovo Agent oder KI-gestützten Workflows wird die Verzahnung mit fremden Ökosystemen immer enger. Man gewinnt Effizienz, verliert aber zunehmend die Hoheit über die eigenen Datenflüsse. Diese berufliche Erfahrung war für mich der Weckruf, privat einen konsequenten Gegenentwurf aufzubauen, um nicht auch im Privatleben zum bloßen Rädchen in einem fremden System zu werden.

Das Fundament: Mein eigener Rootserver

Statt meine Daten auf fremden Rechnern („der Cloud“) zu lagern, habe ich mich für einen eigenen Rootserver entschieden. Mit Ubuntu (LTS) als Basis bildet eine saubere Betriebssystem-Ebene das Fundament.

Besonderes Augenmerk liegt auf der Isolation der Dienste: Durch den Einsatz von Docker und Portainer erreiche ich eine strikte Kapselung. Jeder Dienst läuft in seiner eigenen Sandbox, was nicht nur die Wartung vereinfacht, sondern auch die Sicherheit erhöht, da ein kompromittierter Dienst nicht zwangsläufig das gesamte System gefährdet.

  • Nextcloud: Mein digitaler Lebensmittelpunkt für Dateien und Familienorganisation – ohne dass Algorithmen meine Fotos scannen.
  • Vaultwarden: Die ressourcenschonende Open-Source-Alternative zu Bitwarden. Meine Passwörter bleiben dort, wo sie hingehören – Ende-zu-Ende verschlüsselt auf meiner Hardware.
  • WordPress: Für meine Webpräsenz, befreit von der üblichen Tracker-Flut und Drittanbieter-Skripten.
  • Nginx Proxy Manager: Die zentrale Schaltstelle, die den Datenverkehr regelt und mittels Let’s Encrypt für eine lückenlose Verschlüsselung nach außen sorgt.

Um die Zuverlässigkeit dieser Infrastruktur sicherzustellen, überwache ich die Verfügbarkeit mit Uptime Kuma. Denn Souveränität bedeutet auch Verantwortung: Nur ein stabiles System ist eine echte Alternative zu den Big-Tech-Lösungen.

Die Mobilität: GrapheneOS auf dem Pixel Smartphone

Was nützt der sicherste Server, wenn die Wanze in der Hosentasche permanent nach Hause telefoniert? Der konsequente Schritt war daher der Umstieg meines Pixel auf GrapheneOS.

Es mag paradox klingen, Hardware von Google zu kaufen, um Google loszuwerden. Doch GrapheneOS nutzt die Sicherheitsfeatures des Tensor-Chips , um das Gerät in eine Festung zu verwandeln. Der bewusste Verzicht auf tief im System verankerte Google Play Services ist anfangs eine Umstellung, aber der Gewinn an Privatsphäre ist immens. Dank Sandboxed Google Play lassen sich unverzichtbare Apps isolieren, ohne dass sie Zugriff auf sensible Systembereiche oder Identifikatoren erhalten.

Die neue Dimension: KI als ultimativer Datenstaubsauger

Während wir uns früher „nur“ Gedanken über Tracker auf Webseiten gemacht haben, erreicht die Datenerfassung durch die Integration von KI wie Google Gemini eine völlig neue Qualität. Ein prägnantes Beispiel ist die Google Messages App: Die KI ist dort direkt in die Kommunikation eingebettet. Das bedeutet, dass sie potenziell nicht nur mitliest, sondern den Kontext, die Tonalität und die Inhalte unserer privatesten Gespräche analysiert, das gilt natürlich auch für whatsapp.

Das „Aufwachen“ kommt oft mit der Erkenntnis, dass eine solche KI als zentraler Knotenpunkt fungiert. Sie hat Zugriff auf:

  • Kommunikation: Wer schreibt mir was, und wie antworte ich?
  • Bewegungsprofile: Durch die Verknüpfung mit dem Standort weiß die KI, wo ich mich aufhalte.
  • Interessen & Konsum: Jede Suchanfrage und jeder Kauf wird Teil eines digitalen Zwillings.

Besonders brisant wird es bei der Erfassung von politischen Präferenzen und der persönlichen Toleranzschwelle. Die KI lernt, wie wir auf gesellschaftliche Themen reagieren, welche Meinungen wir vertreten und wo unsere emotionalen Triggerpunkte liegen. Diese tiefenpsychologische Profilbildung macht uns berechenbar und manipulierbar.

Wenn man heute George Orwells „1984“ zur Hand nimmt, wirkt die darin beschriebene Überwachung fast schon bescheiden. Die „Televisoren“ in Orwells Dystopie konnten zwar beobachten, aber sie konnten nicht in Echtzeit Milliarden von Datenpunkten korrelieren, um unsere nächsten Gedanken vorherzusagen. 1984 war gestern – technisch gesehen sind wir längst einige Schritte weiter. Wir tragen das „Wahrheitsministerium“ und die Überwachungseinheit freiwillig in der Hosentasche, getarnt als nützliche Assistenten.

Aktionstage für die digitale Mündigkeit

Mein Weg ist Teil einer größeren Bewegung. Es gibt über das Jahr verteilt wichtige Tage, die uns daran erinnern, dass digitale Freiheit kein Selbstläufer ist:

  • Digital Independence Day (DI.DAY) – 4. Januar: Der Tag für den Wechsel zu datenschutzfreundlichen und demokratiefördernden Angeboten.
  • Safer Internet Day – 11. Februar: Ein internationaler Aktionstag für Medienkompetenz und kritische Nutzung.
  • Software Freedom Day (SFD) – Dritter Samstag im September: Ein internationaler Tag, der die Nutzung und Entwicklung von Open-Source-Software feiert.
  • Internationaler Tag der Informationsfreiheit – 28. September: Betont das Recht auf Zugang zu Informationen und Transparenz.
  • Tübinger Tage der digitalen Freiheit (TDF): Eine Veranstaltung für digitale Mündigkeit und Selbstbestimmung, unterstützt vom CCC.

Fazit: Souveränität ist ein Prozess, kein Zustand

Der Weg zur digitalen Souveränität ist eine Reise. Ja, es ist weniger komfortabel, einen Docker-Container zu patchen oder Netzwerkberechtigungen unter GrapheneOS händisch zu verwalten, als einfach „Akzeptieren“ zu klicken. Doch wer die Bequemlichkeits-Falle meidet, gewinnt etwas unbezahlbares zurück: Selbstbestimmung.

In einer Welt des „gläsernen Bürgers“, in der jede Bewegung und jede Datei profiliert wird, ist die eigene Infrastruktur der einzige wirksame Schutzraum. Es geht nicht um Paranoia, sondern um die Rückkehr zum mündigen Nutzer, der die Kontrolle über seine digitalen Spuren behält.


Nützliche Links & Ressourcen

Inspiration

Infrastruktur & Hosting

  • netcup Rootserver-Angebote: Die Hardware-Basis für meine Projekte mit Fokus auf Performance und Kontrolle.
  • Proxmox VE: Eine professionelle Open-Source-Plattform für Virtualisierung und Server-Management.
  • Ubuntu Server: Die zuverlässige Basis für meine Docker-Container und Server-Dienste.

Mobile Sicherheit & Kommunikation

  • GrapheneOS: Ein gehärtetes Android-Betriebssystem mit höchstem Fokus auf Privatsphäre – ohne Google-Tracking.
  • F-Droid: Ein App-Store, der ausschließlich freie und Open-Source-Software anbietet.
  • Mastodon: Das dezentrale, föderierte soziale Netzwerk als Alternative zu X/Twitter.
  • mailbox.org: Ein sicherer, werbefreier und privater E-Mail-Provider aus Deutschland.

Dienste & Container-Management

  • Nextcloud: Die All-in-One Cloud-Lösung für Dateien, Kontakte und Kalender unter eigener Kontrolle.
  • Vaultwarden (GitHub): Ein ressourcenschonender Passwort-Server, kompatibel mit Bitwarden.
  • Nginx Proxy Manager: Einfache grafische Verwaltung von Reverse Proxies und SSL-Zertifikaten.
  • Portainer: Die grafische Schaltzentrale zur Verwaltung meiner Docker-Umgebungen.
  • Uptime Kuma (GitHub): Ein Monitoring-Tool, um die Erreichbarkeit der eigenen Dienste im Blick zu behalten.

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